Jürgen Münzner
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Brief 17 - Hiddensö
Hiddensö, den 9ten August 95.
Diese Nacht war ein heftiger Sturm. Ich konnte mich nicht enthalten aufzustehn, und im Freien das Toben der Wellen zu hören. Leider! scheint das schöne Wetter, das uns bisher so treu begleitet hat, seit dieser Revolution in der Atmosphäre, von uns Abschied zu nehmen. Heute stürmt und regnet es fast unaufhörlich. Wir ließen uns indessen dadurch nicht hindern, eine Fahrt nach dem südlichen Teile der Insel zumachen. Da es Sonntag ist, begegneten uns mehrere Haufen von Leuten, die nach der Kirche gingen. Sie waren alle recht gut, meistenteils schwarz, wenigstens in dunklen Farben, fast wie unsere Oderbrücher bekleidet. Die weißleinenen Beinkleider der Männer gehn über beide Schenkel in Eins, und hängen wie ein Sack auf die Knie herab. Sie haben das Gute, daß sie nicht so unbequem sind, als dicht anliegende, wenn sie nass werden. An dem Anzuge der Frauenspersonen bemerkte ich nichts auffallendes, außer daß sie alle Hüte trugen, die mit schwarzer Wachsleinewand oder Etamin überzogen waren, und eine hübsche Form hatten. Gegen diese Hüte, dergleichen die Mädchen beständig, auch an Werkeltagen, auf haben, stach es sehr ab, daß sie alle ihre Strümpfe und Schuhe in den Händen trugen und barfuß gingen. Von einer Frau, die in eben diesem Aufzuge kam, sagte unter andern Herr v. Giese, daß sie wenigstens zweitausend Taler besäße. 
Bald hinter dieser kam ein Zug zu Pferde, aus Neuendorf, dem westlichsten Orte auf der Insel. Mannspersonen und Frauenzimmer ritten neben einander.
Ausflug auf den Spuren von Johann Friedrich Zöllner, ab Pension Münzner (A),
von Grieben (B) im Norden, über ganz Hiddensee bis Gellen (G) im Süden.
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Nach diesem allen erwarteten wir in den Dörfern Vitte, Plogshagen und Neuendorf Häuser, die dem Äußeren ihrer Bewohner und ihrem Vermögen angemessen wären. Aber wir fanden uns gewaltig betrogen; denn hierher muss man gehen, wenn man sich einen lebhaften Begriff von der Baukunst in ihrer ersten Kindheit machen will; wenigstens habe ich sonst noch nirgends, als hier, Häuser von Torf gesehn. Nur wenige Häuser sind ordentlich mit hölzernem Fachwerk aufgeführt. An den meisten sind nur die Eckpfeiler und einige Zwischenpfosten von Holz, das übrige ist von Torf, wie ein Schwalbennest zusammen gekleckt. Schwellen sieht man fast gar nicht. An vielen von diesen Hütten sind alle Arten zu bauen zugleich versucht worden. Ein Teil der Wand ist von Feldsteinen aufgemauert, ein anderer ist Fachwerk, das übrige ist von Torf. Mit dem letzteren werden gewöhnlich auch die dichten Wände gegen die Wetterseite zu von außen belegt, und zur Abwechselung sieht man statt des Torfs auch wol Seetang oder Feldsteine angewandt. Inwendig waren diese armseligen Wohnungen noch reinlich genug; selbst Gastbetten fanden wir in einem Verschlage unter dem Heuboden. Gewöhnlich stehn die Betten in solchen Verschlägen, die durchaus das Ansehn von Schiffskoyen haben. Die Räucherkammern rochen unerträglich, weil bloß mit Torf gefeuert wird, und die Fische, die darin hängen, eine sehr widrige Ausdünstung verbreiten.
Die sehr elende Bauart ist größtenteils eine Folge von dem Holzmangel auf der Insel. Sie hat ehedem große Waldungen gehabte aber die letzten hat noch Wallenstein wegbrennen lassen, um den Dänen das Bauholz, welches sie von hier erhielten, zu entziehen. Schon vorher hatte die Natur den Holzvorrat verringert. In der Schaprodischen Matrikel von 1585 steht noch, daß der dortige Pfarrer aus dem hiesigen Bruche die Klafter Holz für zwölf Groschen haben solle. Aber von diesem Bruche ist längst keine Spur mehr, und überall sind keine anderen Bäume vorhanden, als zwischen Kloster und Griebe die Weidenallee und einige Eichen, und zur Seite des letzteren Dorfes ein drei Morgen großer Kamp, auf welchem Kiefern stehn, die etwa vor dreißig Jahren gesäet sind.
Zum Unglück ist der Torf (oder Soden, wie man ihn hier nennt,) der das Holz als Bau- und Brennmaterial vertreten muss, von der schlechtesten Art, die man sehen kann: ein bloßer Rasen, oder vielmehr eine dünne Lage von Heidekraut, einigen Moosarten und dürren Graswurzeln, womit der unfruchtbare Sand benarbt ist! Das Wasser ist nicht besser. Die Brunnen, die wir fanden, waren nicht über neun Fuß tief. Das Wasser stand nur fünf Fuß unter der Oberfläche des Bodens, und schmeckte noch sehr nach dem Meere. Der größte Teil dieser Gegend ist dürrer Sand, mit Sandsegge (Carex arenaria) bewachsen. Das übrige ist, außer einigem Ackerlande, Wiesegrund. Die Äcker sind mit kleinen Wällen von Erde eingehegt, welche mit Seetang oder Soden bedeckt, auch wol mit Steinen noch mehr befestigt sind. An der südlichen Spitze weiden den Sommer hindurch Pferde. Von Rügen, wo es an Weide fehlt, bringen die Leute ihre jungen Pferde hierher auf die Grasung, und bezahlen vom Frühjahr bis zum Herbst für das Stück zwölf Groschen. Am westlichen Strande fanden wir magnetischen Eisensand. Am östlichen, das heißt längst dem Göllen, setzt das Land mit jedem Jahre etwas an, so daß sich dort die Insel ohngefähr um eben so viel vergrößert, als sie am nördlichen und nordwestlichen Ufer abnimmt. Nach dem Essen machten wir einen Besuch bei dem Prediger, Herrn Krüger. Das Patronat dieser Pfarre ist königlich, und die ganze Insel kam vor sechszehn Jahren ein, ihr diesen Mann zum Pfarrer zu geben, weil er in ihrem Döpwater (Taufwasser) gedöpt wäre. Es scheint natürlich, daß man bei Besetzung der Pfarrstellen am meisten auf die Wünsche der Gemeinde Rücksicht nehme, weil der Prediger für die Gemeinde da ist, und sein Amt wenig Nutzen schaffen kann, wenn er nicht ihr Vertrauen besitzt. Wenn es aber von mir abhinge: so würde ich diesen Grund nicht weiter ausdehnen, als daß die Gemeinglieder eine verneinende Stimme hätten, und daß auf diese nur dann Rücksicht genommen würde, wenn sie etwas Erhebliches gegen einen Mann einzuwenden hatten. Das Beste wäre vielleicht, wenn der Patron jedesmal drei Kandidaten, die von der geistlichen Behörde zum Predigtamte wären tüchtig befunden worden, der Gemeine vorstellte, und von dieser durch die Mehrheit der Stimmen Einen wählen ließe. Auf Bittschriften und Vorstellungen für einen Einzelnen Rücksicht zu nehmen, ist fast immer gefährlich; denn in jeder Gemeine ist einer oder der andere, der das Wort führt, und dem es leicht wird, seine oft törichte, oft sträfliche Privatabsicht durch Unterschriften zu unterstützen. Eine Menge von Menschen unterschreiben die Vorstellung, ohne den Inhalt zu wissen, oder weil sie schon viele Namen auf dem Blatte sehen, oder weil sie des Zuredens überdrüssig sind, oder weil sie von dem Wortführer andere Gefälligkeiten erwarten. Gewöhnlich ist eine Partei, die nicht in das Verlangen der übrigen einstimmt, und es übel nimmt, daß ihr dadurch vorgegriffen wird. Diese ist im voraus gegen den Prediger eingenommen, und wenn er das Amt erhält, so finden sehr oft auch die, welche für ihn gebeten haben, sich in Erwartungen getäuscht, oder sie machen deshalb unstatthafte Ansprüche, weil sie zu viel Wert darauflegen, daß die Vergebung des Amtes von ihnen abgehangen haben. Hier ist dies nicht der Fall gewesen; die Hiddensöer sind mit ihrem Landsmanne durchgängig zufrieden, und rühmen außer seinen anderweitigen guten Eigenschaften auch seine starke Stimme, mit der er, wie sie sich ausdrücken, die See überschreit.
Herr Pastor Krüger bestätigte, daß auf der Insel, trotz der gemeinschaftlichen Schlafkammer für das Gesinde beiderlei Geschlechts, uneheliche Geburten eine Seltenheiten sind. Es treffe sich zwar bisweilen, daß ein Paar allzuvertraut werde, aber dann sei die Ehe schon vorher beschlossen, und werde gewöhnlich schnell genug vollzogen, um durch die vorhergegangene Trauung der Rüge des Fehltritts zu entgehen.
Neben der Kirche, nahe beim Kloster, steht ein Weißdorn (Crataegus oxyacantha), der mehr den Namen eines Baums, als eines Strauchs verdient. Er hat aus einer Wurzel vier Hauptstämme getrieben, wovon der eine sich wieder in zwei andere teilt, und sechs Spannen im Umfange hat. Und doch behauptet man, daß der auf der nördlichen Spitze, dessen ich gestern erwähnte, ungleich größer und stärker gewesen sei.
Die Nahrungszweige auf Hiddensö sind, außer der Viehzucht, die doch nicht sehr bedeutend ist, Ackerbau und Fischerei. Ich muss Dir davon das Wichtigste erzählen, zumal da von dieser kleinen Insel wenig bekannt ist, und doch Manches erwähnt zu werden verdient.
Auf den Wiesen am Göllen werden sechs- bis siebenhundert Hammel und etwa hundertundfünfzig Ochsen fett geweidet. Von der Pferdeweide habe ich schon vorhin geredet, auch habe ich schon der kleinen Halbinsel bei Grieben erwähnt, die dieser Dorfschaft zur Hütung dient. Die Butter der Insel steht im Rufe, daß sie von der Weide einen torfigen Geschmack habe, weswegen sie nicht sehr gesucht wird. An der, die ich gegessen habe, konnte ich keinen Nebengeschmack bemerken.
Quellenangaben:
Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen und einem Teile des Herzogtums Mecklenburg, im Jahre 1795 in Briefen
Abschnitt 1
Brief 17 - Hiddensö
Von Johann Friedrich Zöllner
1795 erschienen
*) Hiddensö,
nicht Hiddensee, wie es gewöhnlich geschrieben wird, und auf den Karten, selbst der Mayerschen steht.
Oe heißt im Schwedischen eine Insel, und ist mit Oie, Ei in Eiland usw. einerlei Wort.
Hydda heißt Schwedisch eine Hütte. Hiddensö heißt also wahrscheinlich eine Hütteninsel. Ich sage wahrscheinlich, weil sie in den ältesten Zeiten schlechthin Hithim oder Hittim hieß welches nicht recht zu der Ableitung des Namens passt. Übrigens ward sie in alten Urkunden schon Hiddens - Oe geschrieben.
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Devin bei Stralsund, Bäderpreise, Seebad, Strandkörbe ab 2 Mark die Woche ...
Devin, Dorf südöstlich von Stralsund in Pommern, mit Kurhaus, Badeanstalten, Herren- und Damenbad, Badezellen, schöner, weißer Sand und steinfreier Strand, hübsche Fernsichten, zwangloser Aufenthalt, Rudern, Segeln, Angeln, Dampferausflüge zur See nach den benachbarten Inseln und Kurorten, Musikpavillon, gesellschaftliche Spiele. Muscheln, braust das Meer, Wogenhäupter schäumen, Brandung stürmt die Burg des Felsenstrandes, mit dem großen Orlogschiffe treiben Wind und Fluthen wilde Spiele, Kinder mit Federball, meine Muse sitzt am Fischerherde, läßt den grausen Sturm vorübertoben, Pilgermädchen aus dem Mittellande, verschüchtert von den neuen Meereswundern.
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